Tolino Shine 2 HD Erfahrungsbericht

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Seit etwa einem Jahr nutze ich nun einen Tolino Shine 2 HD. Zuvor hatte ich drei verschiedene Amazon Kindle, davon der erste noch mit Tastatur. Auslöser war für mich vor allem der Wunsch, weg vom Amazon Monopol zu einer offeneren Plattform zu kommen. Hat sich das gelohnt?

Das Gerät

Technisch unterscheidet das Gerät nicht viel von einem Amazon Paperwhite. Das Display hat dieselben Eigenschaften mit 300 DPI und Hintergrundbeleuchtung. Diese nutze ich hauptsächlich, um im (halb)-dunkeln lesen zu können. Leider hat der Kindle hier den Vorteil, dass er in der niedrigsten Einstellung dunkler ist. Dafür lässt sich das Licht beim Tolino abschalten. Etwas, was ich beim Kindle nie vermisst habe.

Software

Im Allgemeinen funktioniert die Software sehr gut und macht alles, wie man es möchte. Negativ fällt nur auf, dass sich das Licht nicht überall steuern lässt, sondern nur, wenn man gerade ein Buch geöffnet hat. Wenn man also den Tolino zur falschen Zeit, am falschen Ort anschaltet ist man erstmal blind, der Raum hell und man kann auch nichts schnell dagegen ändern.

Buch Darstellung

Während man beim Kindle die Wahl zwischen “Buch”-Seiten, Positionen und Zeit hat, bietet einem der Tolino nur “Seiten”. Wobei mir unklar ist, wie sich diese Seiten berechnen. So kann ein Buch mit etwa 400 echten Seiten auf dem Tolino mit über 700 Seiten dargestellt werden. Diese entsprechen auch keinen Seiten, wie der Tolino sie darstellt, denn diese hängen nicht von der Schriftgröße ab.

Bei der Darstellung von Text gibt es nichts zu beanstanden. Auch die Silbentrennung im Blocksatz funktioniert einwandfrei. Ein Feature auf das man beim Kindle lange warten musste.

Anders sieht es bei Bildern aus. Diese sind klein und es gibt keine Möglichkeit diese zu vergrößern. Dies ist vor allem schade, wenn man ein Buch lesen möchte, das von seinen Bildern lebt, wie Ransom Riggs “Die Stadt der besonderen Kinder”. Das Buch wird in anderen Readern gut dargestellt.

Schriften und Wörterbücher

Der Tolino stellt mehrere Schriften zur Auswahl. Diese sind allesamt frei verfügbare Schriften, die ohne Lizenzgebühren verwendet werden können. Das muss nicht schlecht sein, jedoch treffen die mitgelieferten Schriften nicht meinen Geschmack. Zum Glück kann man mittlerweile eigene Schriftarten nachinstallieren.

Auch die Wörterbücher sind frei verfügbar und genutz wird das Wikimedia Projekt Wictionary. Und dies ist wirklich ärgerlich, denn wenn man hier einen Plural sucht bekommt folgendes:

Oder bei einer Konjugation:

Das überrascht sicherlich jeden, der Englisch in der Unterstufe hatte, dass es sich bei Wörtern mit s am Ende um einen Plural handeln könnte. Nun kann man auch nicht einfach nochmal in der Seite claw auswählen, sondern muss die Suche manuell anpassen.

Es gibt andere vom Kindle gewohnte Funktionen, die fehlen, mir aber herzlich egal sind. Dazu zählen Word Wise und die Vokabel-Funktion. Ein einfach zu bedienendes und gutes Wörterbuch ist jedoch unersetzlich und schränkt die Funktion für mich massiv ein. Wer nur Bücher in seiner Muttersprache liest hat das Problem wahrscheinlich nicht.

Allgemein wirkt diese Lösung sehr halbherzig. Nichts gegen freie Schriften und Wörterbücher, aber es wirkt so, als hätte man versucht hier die Kosten zu drücken.

Mayersche Shop

Wenn man seinen Tolino bei einem Buchhändler kauft ist dieser an dessen Shop gebunden. Bei mir ist das der, der Mayerschen Buchhandlung. Ich kann hier keine Aussage darüber treffen, ob die Shops der anderen Tolino Teilnehmer besser sind, dieser Shop jedoch ist eine Zumutung. Zu Beginn präsentiert sich das noch ganz ansehnlich:

Möchte man nun gemütlich nach neuen Büchern stöbern und wählt Alle Kategorien aus kommt man dieses Menü:

Das sieht nicht nur häßlich aus, hier hat sich auch niemand Gedanken gemacht, ob man das auch gut auf einem Gerät mit Touch-Interface bedienen lässt. Wo sind da Abstände? Was sollen diese grauen Kästen sein? Warum bricht Science Fiction und Fantasy um, obwohl da Platz ist? Vermutlich ist die Antwort, dass es niemanden interessiert.

Aber gut, es gibt ja ein paar Kategorien. Wählen wir doch mal Science Fiction und Fantasy:

Ich darf nun 8016 Seiten, in nicht nachvollziehbarer Sortierung, durchblättern. Die Sortierung Nach Beliebtheit kann man noch selbst auswählen, das macht es aber nicht wirklich besser.

Dann suchen wir doch mal nach Murakami, vielleicht hat der ja mal wieder ein neues Buch:

Und hier sieht man ein weiteres Problem. Titel werden höher priorisiert, als der Name eines Autors. So findet man bei einer Suche nach Stephen King erstmal Bücher mit seinem Namen im Titel:

Mir ist völlig unklar, wie man meint mit so einem lieblosen Murks mit Amazon konkurrieren zu können. Design und Benutzerführung sind furchtbar. Nirgends stimmen die Abstände, das Ganze kann keinen Designer gesehen haben. Wenn ich hier mal ein Buch kaufen will, ist es entweder nicht verfügbar oder der Shop ist mal ein ganzes Wochenende offline. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass es niemanden interessiert hat. Macht man hier keinen Umsatz?

Tolino Cloud

Einer der angenehmsten Aspekte ist die Tolino Cloud. Hat man Konten bei mehr als einem Tolino Teilnehmer, so kann man diese Verknüpfen. Alle Einkäufe stehen dann direkt in der Tolino Cloud zur Verfügung und werden unmittelbar auf den Tolino geladen. Super, wenn der Mayersche Shop mal wieder offline sein sollte. Auch der Web-Reader funktioniert sehr gut und eigene Inhalte können hier einfach hochgeladen werden.

Fazit

Der Tolino hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. An sich ist er ein guter eReader, der von der Hardware dem Kindle Paperwhite in nichts nachsteht. Die Tolino Cloud ist ebenso gut gelungen. Es sind eher einige kleine Dinge, die mich verzweifeln lassen. Warum Wictionary, statt einem ordendlichen Wörterbuch? Warum dieser unsägliche Online-Shop der Mayerschen? Hier scheint sich auch niemand um eine Weiterentwicklung zu bemühen. Die Chance eine ebenbürtige Alternative zu Amazon anzubieten hat man hier wohl aus Kostengründen verspielt.